LE 2 | Nachhaltigkeitsbestimmungen

Nachhaltigkeit oder Sustainable Development

Die folgende Zeitleiste gibt dir einen systematischen Einblick in Ereignisse und gesellschaftspolitische Entwicklungen, welche zur aktuellen Forderung nach einer nachhaltigen Entwicklung beigetragen haben und auch in diese eingegangen sind.


Politische Bestimmung einer nachhaltigen Entwicklung

Im ersten Teil dieser Lerneinheit konntest du nachvollziehen, wie sich seit der Epoche der Aufklärung das Verhältnis von Natur und Kultur gewandelt hat und wie es zu der Forderung nach einer nachhaltigen Entwicklung gekommen ist. In den aktuellen Begriff einer nachhaltigen Entwicklung sind diese historisch-gesellschaftlichen Positionierungen eingeflossen und beeinflussen auch weiterhin die Denk- und Handlungsoptionen. 

In dieser Lerneinheit wirst du das aktuelle Verständnis, wie es auch für diese Fortbildung leitend ist, etwas näher kennenlernen.

Eine wichtige Rolle bei der historischen Begriffsbildung spielten die Zusammenhänge zwischen den sich entwickelnden industriekapitalistischen Produktionsverhältnissen und der sich formierenden Kritik aufgrund der mit ihnen verbundenen Umweltzerstörung. Der Stand der Kritik wird im sogenannten Brundtland-Bericht der UN als Forderung nach einer nachhaltigen Entwicklung formuliert: 

Eine nachhaltige „Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Hauff, Volker (Hrsg.): Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Greven 1987, S. 46–47.

Diese Bestimmung wird im Brundtland-Bericht aber noch weiter ausgeführt. Dort heißt es: „Zwei Schlüsselbegriffe sind wichtig:

Der Begriff von „Bedürfnissen“, insbesondere der Grundbedürfnisse der Ärmsten der Welt, die die überwiegende Priorität haben sollten; undder Gedanke von „Beschränkungen“, die der Stand der Technologie und sozialen Organisation auf die Fähigkeit der Umwelt ausübt, gegenwärtige und zukünftige Bedürfnisse zu befriedigen. […]

Entwicklung bedingt eine zunehmende Umwandlung von Wirtschaft und Gesellschaft“ […] und impliziert „die Verantwortung für soziale Gerechtigkeit zwischen den Generationen, die sich logischerweise auch bezieht auf Gerechtigkeit innerhalb jeder Generation. […]

„Eine Welt, in der Armut und Ungerechtigkeit herrschen, wird immer ökologischen und anderen Krisen ausgesetzt sein.“ Dauerhafte Entwicklung erfordert, die Grundbedürfnisse aller zu befriedigen und für alle die Möglichkeit zu schaffen, ihren Wunsch nach einem besseren Leben zu befriedigen. […]

Was wir für Bedürfnisse halten, ist sozial und kulturell bedingt; im Hinblick auf dauerhafte (nachhaltige) Entwicklung sollten wir solche Werte fördern, die Verbrauchsstandards innerhalb der Grenzen des ökologisch Möglichen setzen und nach denen alle sich richten könnten.“ [H.d.V.]

Vgl.: Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, hrsg. von Volker Hauff, Greven 1987, S. 46-47 – zitiert nach: https://www.nachhaltige-entwicklung-bilingual.eu/de/was-ist-nachhaltigkeit/brundlandt-bericht-1987-deutsch.html

Die Kritik richtet sich hier ganz besonders auf die unterschiedlich starken Auswirkungen dieser Zerstörungen auf Arm und Reich. Durch den Zukunftsbezug des Entwicklungsbegriffs wird auch die Frage der Gerechtigkeit innerhalb der gegenwärtigen Generation und gegenüber zukünftigen Generationen wesentlich. Die Herstellung fairer Verhältnisse zwischen den Generationen wird auch als inter- und intragenerationelle Gerechtigkeit gefasst.

Inwiefern die kritischen Stimmen die weitere Entwicklung beeinflussen, muss jeweils neu im öffentlichen und demokratischen Diskurs erarbeitet werden.


Reflexionsaufgabe

Denke noch einmal über die Aussagen aus dem Brundtland-Bericht nach – was verbindest du mit den genannten Schlüsselbegriffen „Bedürfnisse und Beschränkungen“?

Halte deine eigene Haltung dazu in deinem Notizbuch fest.


Nachhaltige Entwicklung: Wissenschaftliche Modelle und Darstellungen

Im Prozess der Ausformulierung der Nachhaltigkeitsforderung wurden drei gesellschaftlich relevante Dimensionen identifiziert: die ökologische Dimension, die ökonomische Dimension und die soziale/gesellschaftliche Dimension. Erst wenn diese drei Dimensionen in ihren Abhängigkeiten erkannt und in ein sich wechselseitig stabilisierendes Verhältnis gebracht werden, kann von einer nachhaltigen Entwicklung gesprochen werden.

Um die Komplexität dieser Nachhaltigkeitsvorstellung besser fassen zu können, wurden von wissenschaftlicher Seite verschiedene Modelle entworfen. Diese können helfen, das Wirkungsgefüge bestehender gesellschaftlicher Zusammenhänge zu erkennen und geplante Entwicklungsmaßnahmen auf ihre Nachhaltigkeit hin zu beurteilen.

Exemplarisch wirst du hier drei häufig herangezogene Modelle kennenlernen.

  1. Nachhaltigkeitsdreieck
  2. Drei-Säulen-Modell
  3. Gewichtetes Säulen-Modell

Innerhalb der Modelle werden die drei Dimensionen einer nachhaltigen Entwicklung unterschiedlich gewichtet.


Als Einstieg in die Fortbildung hast du dein persönliches Nachhaltigkeitsporträt erstellt. In Lerneinheit 2 konntest du nun die gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die zum Begriff einer nachhaltigen Entwicklung geführt haben, nachvollziehen und dich mit ihren aktuellen wissenschaftlichen Erklärungsmodellen auseinandersetzen.


Reflexionsaufgabe

Vergleiche dein bisheriges Nachhaltigkeitsverständnis mit den Bestimmungen und Erkenntnissen aus dieser Lerneinheit: Hast du etwas erfahren, was neu oder überraschend für dich ist? Hat sich dadurch dein Verständnis einer nachhaltigen Entwicklung erweitert oder verändert? Wenn ja, bearbeite jetzt dein Nachhaltigkeitsporträt dahingehend.